.Sonntag, 18. August

Unser Zelt steht auf dem Feldweg vor dem Maisfeld. Ich ziehe

den Reißverschluss auf und schiebe die Zeltplane zurück. Die

Sonne wärmt schon und die Lerchen trällern ihr Lied über

dem Feld. Ich krieche aus dem Zelt, gähne und strecke mich. In

meinem Rücken ziehen winzige Männlein mit aller Kraft an

meinen Wirbelkörpern und wollen nicht locker lassen.

Eine Isomatte mit Komfortluftpolster von drei Zentimetern hat

offensichtlich spürbar auch ihre Grenzen. Aber ich bin guter

Dinge, dass ich mich an sie gewöhnen werde.

Unsere erste Übernachtung war von nichts und niemandem

gestört worden. Ein guter Auftakt. Dieter breitet die Picknickdecke

vor dem Zelt aus und wir frühstücken. Ich bin vor

lauter Freude auf den heutigen Radeltag ganz zappelig, denn

wir werden bei Borken auf den Radfernwanderweg nach

Lübeck stoßen, der in unserem Buch beschrieben ist. Endlich

selbst dort auf diesem Weg zu fahren und all das zu sehen, was

ich so oft im Radreisebuch gelesen hatte.

Das ist so toll, so unbeschreiblich toll!

Die erste Fähre über den Rhein wird laut Plan um zehn Uhr

ablegen. So haben wir genügend Zeit, um zusammenzupacken

und die wenigen Kilometer bis zum Fähranleger zu fahren.

Blauer Himmel, eine leichte frische Brise von Osten, welch ein

herrlicher Morgen.

Pünktlich geht es über den Rhein und wir legen am anderen

Ufer an. Die Räder rollen fast von selbst die leicht abschüssige

menschen- und autoleere Straße hinunter. Es ist Sonntagmorgen

in einem kleinen rechtsrheinischen Ort. Die Filmmusik

›Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung‹ passt

für mich gerade ganz genau! Ich trete begeistert in die Pedale

und komme locker auf Geschwindigkeit. Es ist zum Jauchzen,

aber ich zügele mich, denn die Leute schlafen viel-leicht noch,

als mich ein lautes Krachen zusammenfahren lässt. Ich schaue

über die Schulter zurück und sehe mit Entsetzen, wie sich

Dieter mit seinem Fahrrad hochkant überschlägt und hart auf

dem Asphalt landet.

Ich springe vom Rad, lehne es am nächsten Vorgartenmäuerchen

an und spurte die wenigen Meter zurück. Mein

Herz steckt in meinem Hals, meine Gedanken wirbeln: Fenster

auf, Leute raus, ein Krankenwagen muss her, Dieter ist schwer

verletzt!

Aber noch bevor ich ihn erreiche, rappelt er sich zu meiner

Überraschung auf und schimpft in voller Lautstärke: „Guck’ dir

das an! Ein neues Fahrrad und schon kaputt. Das gibt’s doch

nicht! So ein Murks!“

„Dieter, hast du Schmerzen? Tut dir was weh?“

Aus der breiten Schramme an seiner Schulter treten Blutstropfen

heraus. Aber Dieter reagiert gar nicht auf mich,

sondern umkreist das Rad und schimpft und zetert immer

weiter: „Das soll Qualität sein? Totaler Mist, Dreck! Das

Schutzblech, guck’ mal! Und da die Gabel, ganz krumm! Was da

alles jetzt kaputt ist! Und das bloß von diesem blöden Loch

da!“ Er zeigt auf den Straßenschaden, der eigentlich kaum der

Rede wert ist.

Ich bin unschlüssig, was ich von Dieters Reaktion halten soll.

Falls er unter Schock stehen sollte, würde er die Schmerzen

nicht sofort spüren.

Gerade will ich ihn wieder ansprechen, als auf der gegenüberliegenden

Straßenseite ein Auto anhält. Der Fahrer steigt

schnell aus und kommt zu uns herübergelaufen.

„Sind sie verletzt? Ich habe den Sturz gesehen. Sah schlimm

aus. Brauchen sie einen Krankenwagen?“

Aber Dieter reagiert auch diesmal nicht auf die Fragen,

sondern zeigt dem Mann erzürnt sein Fahrrad: „Schau’n Sie

sich das mal an. Die Vorderradgabel, wie die aussieht, total

eingeknickt, das Schutzblech total verbogen und der Lenker!

Das ist ein neues Fahrrad! Können Sie sich das vorstellen? Das

habe ich mir extra neu gekauft! Man muss doch mal über einen

Hubbel, eine Kante fahren können, oder?“

Der Autofahrer schaut mich hilflos an und zuckt mit den

Schultern.

„Scheint nichts Schlimmes passiert zu sein“, sage ich, „und

vielen Dank, dass sie uns helfen wollten.“

Der Mann wünscht uns alles Gute und verabschiedet sich.

Ist ja tatsächlich noch mal gut gegangen. Dieter hat nur einige

Schrammen an der Schulter, am Kinn und am Knie. Ich bin sehr

erleichtert und froh darüber. Nur schade, dass die Radreise

nun schon zu Ende ist. Es sollte wohl nicht sein, tröste ich

mich, wir können die Tour im nächsten Sommer ja nochmals

starten. Wichtig ist, dass Dieter keine schweren Verletzungen

hat!

Wenige Kilometer entfernt leben Freunde, die ich um Hilfe

bitten werde, damit wir die Heimreise antreten können.

Irgendjemand auf dieser Straße wird mich sicherlich

telefonieren lassen.

Aber mitnichten! Dieter wischt dieses Ansinnen mit einer

Handbewegung weg und schaut mich mit großen Augen an:

„Wieso sollen wir denn nicht weiterfahren? Doch nicht

deswegen“, und zeigt auf sein Fahrrad, „das kriege ich schon

wieder hin!“

Dann schaut er sich das flache, breite Schlagloch auf der Straße

von allen Seiten an, die hinterlassene Bremsspur und

analysiert die Ursache:

„Das hat einen ordentlichen Schlag gegeben, als ich

durchgefahren bin. Die Vordergabel hat das nicht verkraftet

und ist eingeknickt, so ein labberiger Mist! Tja, dabei hat’s

sofort die Bremsen angezogen und das Vorderrad mit einem

Schlag blockiert. Da fliegste natürlich...“

Und ganz pragmatisch folgt nach weiterem kritischen Blick:

„Na, dann mal ans Werk.“

„Aber erst versorgen wir deine Schrammen“, mahne ich und

hole die kleine Verbandstasche aus meiner Packtasche.

Anschließend dreht Dieter den Fahrradlenker gerade, biegt

das Schutzblech zurecht und gibt der Bremse mehr Zugseil.

Und nachdem er die Funktion der Vorderradbremse überprüft

hat, fahren wir, glücklicherweise langsam, weiter. Denn nach

einigen Hundert Metern kommt es beinahe zu einem erneuten

Sturz, weil die Bremse immer noch unter Spannung steht und

wieder komplett blockiert hatte. Dieter kann sich grade noch

aufrecht halten.

Also muss das Vorderrad entlastet werden. Die Radtaschen

werden abgepackt und der Inhalt umgepackt. Es dürfen nur

noch leichte Sachen in die Vorderradtaschen. Dann wird die

Bremse kurzerhand komplett demontiert, die Radgabel mit

Muskelkraft so weit als möglich gestreckt und nach Tests auf

Stabilität - Dieter ruckelt mit dem Vorderrad und dreht Achten

auf der Straße - geht die Fahrt weiter.

Wie aber soll das gehen, denke ich und bin tief besorgt. So eine

lange Radreise ohne Vorderradbremse? Immerhin wollen wir

über das Tecklenburger Land mit einer Höhe von 235 Metern.

Ich amüsiere mich heute noch über diese Höhenmeter, die mir

solch schwere Gedanken machten. Aber 235 Meter Höhe zu

erklimmen war damals eine Herausforderung. Wir waren eben

ganz am Anfang unserer Bergerfahrungen und Passhöhen von

über 1000 Metern würden wir erst einige Jahre später

erradeln.

An diesem Tag erreichen wir das Tecklenburger Land noch

nicht, aber den Fernradwanderweg bei Borken. Wir kreuzen

ihn am Nachmittag, nur leider nicht auf einer Ebene. Er

befindet sich einige Meter unter uns und ist von der Straßenbrücke

aus, die ihn überspannt, wunderbar anzuschauen.

„Ja wie toll, super!“

Kartenmaterial hat seine Tücken schon mal im Detail, wenn

sich zwei Linien, nämlich Straße und Radwanderweg, einfach

nur kreuzen. Wir schauen den Grashang hinunter: viel zu steil,

und eine Abfahrtmöglichkeit von der Straße aus ist weit und

breit nicht zu sehen.

Dieter lehnt sein Rad an das Geländer und geht einige Meter

weiter: „Da gibt’s eine Möglichkeit, wetten?!“ Und er entdeckt

hinter der Leitplanke im hohen Gras die schmale, steile Treppe

hinab, die laut Schild nur für Dienstpersonal gedacht ist. Aber

wen interessiert das denn jetzt?

Die großen Bags und Packtaschen tragen wir zuerst hinunter,

dann zu zweit die Räder. Dieter packt vorne und ich hinten an.

Und nach gemeinsamem Schleppen und Schwitzen rollen wir

bald fröhlich die ersten Meter auf dem Fernradwanderweg

Richtung Lübeck.

Am frühen Abend beginnt die Suche nach einem Übernachtungsplatz,

denn einen Campingplatz gibt es nicht. Wir fahren

langsam durch ein Waldgebiet westlich von Borken, lugen

immer wieder in den Wald hinein und entdecken einen

vielversprechenden Trampelpfad.

Nachdem wir uns vergewissert haben, dass uns niemand

beobachtet, verschwinden wir zwischen den Bäumen. Nach

kaum Hundert Metern erreichen wir den Waldsaum, der einen

weiten Bogen bildet. Vor uns liegt ein Maisfeld.

Sehr schön, hier haben wir Sichtschutz zu allen Seiten. Und am

Morgen wird die Sonne genau über dem Feld aufgehen. Genial

angetroffen!

Wir stellen unser Zelt auf dem laubbedeckten, weichen

Waldboden auf und richten uns darin ein. Anschließend

unternimmt Dieter nochmals eine Vorderradgabelstreckaktion.

Er legt sich mit dem Fahrrad auf den Waldboden, hält

den oberen Teil der Gabel mit den Händen umklammert und

stemmt die Füße in den verbogenen Mittelteil. Erfolgreich

verlängert sich die Gabel um etwa drei Zentimeter. Aber die

Vorderradbremse wird dennoch nicht wieder montiert. Das ist

zu heikel.

Die Abendtoilette wird erneut mit minimalem Wasserverbrauch

gemeistert, wobei sich Babywaschlotion bestens bewährt.

Danach liegen wir wie die alten Römer auf der

Picknickdecke und essen zufrieden unser Abendbrot: dunkles

Brot mit Kräuterstreichkäse und Hartwurst. Leider gibt es kein

gekühltes Bier dazu, sondern lauwarmes Mineralwasser.

Wir genießen die ruhige, friedliche Atmosphäre. Nur in der

Ferne ist ab und an ein Motorgeräusch zu vernehmen. Allmählich

verstummt das Abendlied der Vögel und wir machen

uns schlafsackfein. Zu dieser Vorbereitung gehört auch eine

Einreibung des Rückens mit Franzbrandwein, um langfristig

den morgendlichen Muskelverspannungen vorzubeugen.

Ich habe mich gerade meiner gesamten Oberbekleidung

entledigt und schnurre unter Dieters Franzbrandweinhänden,

als hinter uns eine Stimme die Entspannung jäh unterbricht.

„Guten Abend.“

Wer ist das denn? Außer meinen Händen habe ich nichts um

mich zu bedecken. Deshalb schaue ich nur über die Schulter

nach hinten. Da steht ein Förster mit seinem Gewehr über der

Schulter.

Wo kommt der denn so plötzlich und lautlos her?

Dieter reicht mir mein T-Shirt, das ich schnell überziehe.

„Darf man das?“ kommt als Nächstes mit einem Nicken zu

unserem Zelt hin. „Grinst der grade ein bisschen?“, denke ich.

„Tja, öhömmm.“

Ausatmen, schuldbewusst gucken, denn natürlich darf man

das nicht. Und was soll man da schon sagen? Also kommt von

Dieter erst mal einfach nur: „Nöö.“

Und dann mit einer großen Entschuldigung in der Stimme:

„Da war einfach kein Campingplatz, nirgends. Wir haben einen

gesucht, aber...“

„Und im Dunkeln wollten wir auch nicht mehr weiterfahren“,

füge ich hinzu.

Wir haben Glück und dürfen unser Zelt stehen lassen, weil wir

keine Jugendlichen mehr sind. Die hätten sich auf jeden Fall

davonmachen müssen, sagt der Förster.

Und dann gibt es noch die eindringliche Ermahnung:

„Aber kein Feuer machen! Auf gar keinen Fall! Das Laub ist so

trocken, das brennt vom kleinsten Funken. Solch ein Brand

greift in Windeseile um sich, und sie kommen dann nicht mehr

aus dem Wald raus.“

„Wir werden ganz bestimmt kein Feuer machen und morgen

früh den Platz sauber verlassen.“

Und wir versprechen auch nie wieder wild zu zelten, aber das

mit überkreuzten Fingern hinter dem Rücken.

Nach diesem günstigen Verlauf gebe ich meiner Neugier nach:

„Wie haben sie uns denn entdeckt?“

Der Förster zeigt schräg über das Feld hinweg zum Waldrand,

wo sich tatsächlich ein Hochstand versteckt. Den hatten wir

trotz suchendem Rundumblick nicht gesehen. Und von dort

sollte ein Rehbock geschossen werden, der aus welchen

Gründen auch immer, schon jetzt im August dran war. Dieter

und ich hatten nun mit unserem Auftritt dafür gesorgt, dass

der Bock in seiner Deckung geblieben war.

„Na, macht nichts“, meint der Förster, „und eine gute Nacht.“

Ich denke noch ein wenig über den Bock nach, dessen Leben

nun um einige Stunden verlängert ist, und frage mich, ob wir

dafür wohl einen Wunsch frei haben.

 

 

 

Zum Weiterlesen erhältlich im Buchhandel.

 

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